Rega – Schweizerische Rettungsflugwacht

Intensivtransport nach Stromschlag

Seine Körperoberfläche ist zu 70 Prozent verbrannt, dennoch spürt der Patient kaum Schmerzen. Was ihm jetzt das Leben retten kann, ist der Transport mit «Rega 10» in eine spezielle Klinik für Verbrennungen.

Ein heisser Sommertag kurz nach 17 Uhr. Der Helikopter von «Rega 10» steht auf dem Lande platz des Spitals Interlaken. Für die Crew der Basis Wilderswil ist es bereits der fünfte Einsatz an diesem Tag. Während Notarzt Dr. med. Thomas von Wyl die Übergabe seiner Patientin abschliesst, bereiten Rettungssanitäter Marco Lei und Pilot Rick Maurer das Material für einen nächsten Einsatz vor. Kurz darauf klingelt das Mobiltelefon: «Wie weit seid ihr?», fragt die Rega- Einsatzleiterin. Auf ihrem Bildschirm in der Einsatzzentrale in Zürich erkennt sie zwar den Standort der Crew, wie lange die Patientenübergabe dauert, kann sie jedoch nur schätzen. «Einsatzbereit», meldet ihr Rick Maurer. In der Nähe von Thun habe es einen Starkstromunfall gegeben, teilt sie ihm mit, «Rega 10» werde dringend gebraucht. Starkstromunfälle verursachen meistens schwerste Verbrennungen, die eine  umgehende Behandlung in einer spezialisierten Klinik erfordern. Für den raschen, schonenden Transport des Patienten wird die Rega aufgeboten. Die Rotoren drehen bereits, als Thomas von Wyl einsteigt. Ist er gedanklich bereits beim nächsten Patienten? «Ich versuche jeweils, möglichst unvoreingenommen an einen Einsatz heranzugehen. So kann ich die Situation beurteilen, ohne auf eine Diagnose fixiert zu sein, und die Gefahr ist geringer, vor Ort etwas Wichtiges zu übersehen», sagt der Rega-Notarzt. Doch kurz bevor der Helikopter sich in den Himmel schraubt, kommt über Funk die Entwarnung aus Zürich: Der Unfall sei für den Patienten offenbar glimpflich ausgegangen. Der Rettungsdienst habe gemeldet, dass der Patient ins Inselspital nach Bern gebracht werde. Im Vordergrund stünden nicht seine Verbrennungen, sondern andere Verletzungen. 


Schlimmere Verbrennungen als angenommen

Zurück auf ihrer Einsatzbasis retabliert die Crew das verbrauchte medizinische Material, betankt den Helikopter und widmet sich den nötigen administrativen Arbeiten, als sich erneut die Rega-Einsatzzentrale in Zürich meldet. Der Patient, der den Starkstromunfall erlitten hat, habe sich doch wesentlich schlimmere Verbrennungen zugezogen als ursprünglich angenommen, und er müsse nun dringend nach Zürich auf die Intensivstation für Brandverletzungen verlegt werden. Es ist kurz vor 19 Uhr, als die Rotoren des Rettungshelikopters Da Vinci auf dem Landeplatz des Inselspitals Bern zum Stillstand kommen. Auf dem Weg durch die Gänge zum Schockraum ist die Crew konzentriert: Noch wissen sie nicht, wie es dem Patienten wirklich geht. «Alle Details zum Unfallhergang, zum Zustand des Patienten sowie der bisher erfolgten Therapie erhalten wir jeweils direkt von den behandelnden Ärzten. Diese Patientenübergabe ist wichtig, schliesslich übernehmen wir danach die Verantwortung für diesen Menschen», sagt Thomas von Wyl. Es stellt sich heraus, dass der 50-jährige Patient auf einem Waggon in einem Güterbahnhof mit Telematikarbeiten beschäftigt war, als er der Oberleitung zu nahe kam und einen Stromschlag erlitt, der ihn aus vier Metern Höhe zu Boden schleuderte. 


Eine Warmluftdecke hilft vor Auskühlung

Im Schockraum des Inselspitals wurde bereits eine umfassende Anamnese vorgenommen, die verbrannten Kleidungsreste des Patienten entfernt und seine Wunden fachgerecht gereinigt sowie steril abgedeckt. Zum Schutz gegen die drohende Auskühlung liegt der Patient unter einer Warmluftdecke, ist an Überwachungsmonitore angeschlossen und wird über Infusionen mit der nach Verbrennungen so dringend benötigten Flüssigkeit versorgt. Schwerere Verletzungen durch den Sturz konnte das Behandlungsteam des Inselspitals ausschliessen. Was dem Team allerdings Sorgen bereitet, ist das Ausmass der Verbrennungen: Knapp 70 Prozent der Körperoberfläche sind verbrannt. Die Prognose ist düster. Nach der ABSI-Skala, welche die wahrscheinliche Überlebensrate nach Verbrennungen angibt, schätzen die Ärzte seine Chancen auf rund 50 Prozent. Glücklicherweise hat der Mann im Gesichts- und Halsbereich keine Verbrennungen erlitten. Die Atemwege sind ebenfalls nicht betroffen. Das ist gut, steigert es doch einerseits seine Heilungschancen und ermöglicht ihm andererseits, mit dem Behandlungsteam zu kommunizieren. Vorsichtig wird der schwer brandverletzte Patient auf den bevorstehenden Transport vorbereitet: Unter Mithilfe aller Anwesenden wird er behutsam auf die Trage der Rega gehoben, die Kabel zur Überwachung und Infusionsschläuche werden an die mobilen Rega-Geräte umgehängt. Notarzt Thomas von Wyl nimmt eine letzte Überprüfung vor, bevor die Crew den Patienten endgültig übernimmt: «Ich will noch einmal sämtliche wichtigen Symptome erfassen, damit ich während des Transports auf mögliche Komplikationen vorbereitet bin.» Knapp 40 Minuten hat die komplexe Übergabe im Inselspital für den Intensivtransport im Rettungshelikopter in Anspruch genommen. Durch die Gänge des Inselspitals geht es zurück auf den Dachlandeplatz, wo der Patient in den Rega-Helikopter geschoben wird und die drei Crewmitglieder alles für den rund 25-minütigen Flug ins Universitätsspital  Zürich (USZ) vorbereiten. Sitzt Rettungssanitäter Marco Lei in der Regel vorne im Cockpit neben dem Piloten, so nimmt er jetzt hinten in der Kabine an der Seite des Notarztes Platz. «Wenn ein Patient sehr schwer verletzt und sein Kreislauf instabil ist oder ich während des Fluges viel Überwachungs- oder Therapieaufwand erwarte, bin ich froh, auf die Unterstützung meines Kollegen zählen zu können», erklärt Thomas von Wyl. 


Der Patient ist nicht intubiert, kann sprechen

Während des Fluges haben die beiden tatsächlich alle Hände voll zu tun. Es gilt, den Kreislauf des Patienten stabil zu halten und ihn mit genügend Flüssigkeit zu versorgen. Schmerzmittel kommen verhältnismässig wenig zum Einsatz. Während bei leichten und mittelschweren Verbrennungen die Schmerzen sehr gross sind, haben Patienten mit tiefen Verbrennungen kaum Schmerzen – die entsprechenden Nerven sind zerstört. Da er auch nicht intubiert ist, kann er mit der Crew kommunizieren. Selbst für den erfahrenen Notarzt eine spezielle Situation: «Bei Patienten, welche ihre schweren Verletzungen unter Umständen nicht überleben werden, ist die Kommunikation eine grosse Herausforderung. Ich will keine falsche Hoffnung vermitteln, aber dem Patienten trotzdem Sicherheit und Zuversicht geben. Im Wissen, dass – falls er überlebt – der vor im liegende Weg sehr lang und beschwerlich sein wird.» Der Rega-Helikopter landet auf dem Dach des Universitätsspitals Zürich – es ist kurz nach 20 Uhr. Der Weg der Rega-Crew führt direkt auf die hochspezialisierte Intensivstation für Brandverletzungen, wo die Patienten aufgrund der hohen Infektionsgefahr, welcher Verbrennungspatienten ausgesetzt sind, von der Aussenwelt abgeschottet sind. Auch die Übergabe des Patienten erfolgt in einer Art Schleuse. Während des erneuten Umladens informiert Rega-Notarzt Thomas von Wyl das Behandlungsteam des USZ über den Unfallhergang, den Zustand des Patienten und die verabreichten Medikamente. Mit der Über gabe endet nun die direkte Verantwortlichkeit der Rega- Crew für ihren Patienten. «Bei solch schwierigen Einsätzen gelingt mir das Abschalten nicht immer. Gedanken an den Unfall und all das, was dem Patienten bevorsteht, hänge ich oft noch länger nach.» Entsprechend wichtig sei ihm der Austausch mit seinen Crew kollegen. «Das Debriefing nach der Übergabe des Patienten während des Rückfluges oder später auf der Basis ist wichtig, um einen solchen Einsatz gedanklich abschliessen zu  können.»  Was sie zu diesem Zeitpunkt nicht wissen: Der Patient wird seine schweren Verletzungen überleben und nach einer mehrmonatigen Rehabilitations phase wieder seiner Arbeit und seinen Hobbys nachgehen können. 

Karin Hörhager