Rega – Schweizerische Rettungsflugwacht

Emilias erster Flug

Viel zu früh kommt die kleine Emilia in Kairo zur Welt. Das Töchterchen einer Schweizer Diplomatenfamilie wiegt zum Zeitpunkt seiner Geburt gerade einmal 1,5 Kilogramm. So schnell wie möglich fliegt die Rega das Mädchen im Transportinkubator an Bord des Ambulanzjets in die Schweiz.

Im Bettchen der kleinen Emilia in Fribourg liegt nicht etwa ein Teddybär, sondern ein Rega- Plüschjet. Er erinnert das Mädchen an den ersten Flug ihres Lebens, von Kairo nach Zürich. Die Geschichte rund um diese Reise erzählt ihr die Mutter jeden Abend vor dem Schlafengehen. Sie lautet so: Weil Emilia die Welt schon viel früher als geplant erkunden wollte, kam sie weit vor ihrem Geburtstermin zur Welt. Nur 1’500 Gramm wog sie und verbrachte deshalb ihre ersten Tage in Kairo in einem warmen Häuschen aus Glas und wartete, bis sie stark genug war, um gemeinsam mit ihren Eltern und dem Plüschjet in die Schweiz geflogen zu werden.

Viele Spezialisten für die kleine Emilia

Emilia ist eines von 235 Neu- und Frühgeborenen, welches die Rega 2018 in einem Ambulanzjet oder einem Rettungshelikopter transportierte. Eine Herausforderung der besonderen Art, denn die fachliche Betreuung von Frühchen und Neugeborenen mit medizinischen Problemen lässt sich nicht mit derjenigen eines Erwachsenen vergleichen – die Anforderungen an den behandelnden Arzt und an die Pflegefachpersonen sind sehr unterschiedlich. Aus diesem Grund werden diese Flüge von einem spezialisierten Team für Neugeborenenmedizin, im Fachjargon  Neonatologie, begleitet. Auf dem Flug von Kairo nach Zürich steht Emilia also nicht nur der Plüschjet zur Seite. Das Mädchen wird von drei medizinischen Fachpersonen betreut: Neben dem Rega- Flug- und Kinderarzt André Keisker und der Rega-Intensivpflegefachfrau Kathrin Oegerli kümmert sich Nicole Grieder, eine Neonatologie- Pflegefachfrau des Kinderspitals Aarau, um das Mädchen. Sie ist es auch, die Emilia im Spital in Kairo gemeinsam mit André Keisker untersucht und sie an die mobilen Überwachungsmonitore anschliesst, die während des Transports jederzeit die Körperfunktionen des frühgeborenen Mädchens überwachen. «Die Übergabe der Patientin im Spital durch die lokalen Ärzte ist ein wichtiger Moment», sagt André Keisker. «Ab hier übernehmen wir die Verantwortung und müssen entsprechend über alles informiert werden, was seit dem Eintritt ins Spital passiert ist.» Bei Emilia ist nicht nur das geringe Geburtsgewicht eine medizinische Herausforderung, sondern auch ihre Verbrennung am Fuss, die bei einer Behandlung im Spital passiert ist, und deren Ausmass sich den Schweizer Medizinern erst im Spital in Kairo zeigt.

Wie vor jeder Repatriierung klärt auch im Fall von Emilia ein Beratungsarzt in der Rega-Einsatzzentrale ab, ob der Gesundheitszustand des Patienten einen Transport überhaupt zulässt. Dazu spricht er mit den behandelnden Ärzten vor Ort und versucht, sich mithilfe der verfügbaren medizinischen Unterlagen, wie beispielsweise Laborberichten und Röntgenbildern, ein möglichst genaues Bild der Situation zu verschaffen. Trotz dieser Abklärungen kann es vorkommen, dass die Rega-Crew vor Ort eine andere Situation antrifft als angenommen. Wie bei Emilia. Nach der Untersuchung durch die Rega-Crew in Kairo zeigt sich: Emilia geht es schlechter als erwartet. André Keisker vermutet einen beginnenden Infekt, und die Verbrennung ist schlimmer als angenommen. Sofort beginnt das Team mit  einer Antibiotika-Therapie, um den Infekt in den Griff zu bekommen, noch bevor Emilia in der Ambulanz zum Rega-Jet am Flughafen gefahren werden kann.

André Keisker, Rega-Flugarzt und Kinderarzt

«Die Übergabe der Patientin im Spital durch die lokalen Ärzte ist ein wichtiger Moment»

André Keisker

52, Rega-Flugarzt und Kinderarzt

Bereit für den Start

Auf dem internationalen Flughafen von Kairo fixiert die Crew den Transportinkubator im Rega- Jet auf dem dafür vorgesehenen Platz und Emilia ist nun bereit für den mehrstündigen Flug in die Schweiz. Bereits im Spital hatte ihr Nicole Grieder einen winzigen Gehörschutz aufgesetzt, damit die Ohren durch die Geräusche im Ambulanzjet möglichst wenig belastet werden. Die Eltern können Emilia im Rega-Jet begleiten: «Während des Fluges informieren wir sie über alles, was wir tun. Möchten die Eltern ihr Kind im Transportinkubator berühren, können sie eine Hand durch eine schmale Öffnung strecken und so mit ihm in Kontakt sein», sagt André Keisker. Liebevoll geht auch die Crew mit Emilia um. Kleine Gesten und Berührungen sollen dem Mädchen zu verstehen geben, dass alles, was mit ihr geschieht, ihrem Wohl dient. Während des Fluges schläft die Kleine mehrheitlich. Trotzdem stellt der Transport eine medizinische Herausforderung dar. Die zu früh auf die Welt gekommenen Säuglinge kämpfen oft mit Atemproblemen, weil ihre Lungen noch nicht voll funktionsfähig sind. Der Transportinkubator der Rega stellt sicher, dass unter anderem die Beatmung der Neugeborenen für den Transport zwischen Ausgangs- und Zielspital nicht unterbrochen werden muss und die qualitativ hochstehende Behandlung auch während der gesamten Reise nahtlos weitergeführt werden kann. «Bei Frühgeborenen sind viele Organe noch nicht voll ausgereift, die Kleinen können zum Beispiel ihre Körpertemperatur nicht selbstständig halten, oder die feinen Blutgefässe im Gehirn sind noch in der Entwicklung und äusserst anfällig für Blutungen», erklärt André Keisker. «Deshalb ist ein schonender Transport und eine genaue Überwachung so wichtig für unsere kleine Patientin.» 

In der Heimat gut angekommen

Gemeinsam mit dem Plüschjet landet  Emilia wohlbehalten in Zürich und reist in einer Ambulanz weiter ins Spital mit einer spezialisierten Neonatologie-Abteilung. Hier geht ihre ganz persönliche Gute-Nacht-Geschichte weiter: Emilia bekommt im Kinderspital ein eigenes Zimmer. Sie trinkt viel Muttermilch, sodass sie schnell schwerer und grösser wird. Ihre Eltern besuchen sie jeden Tag und bleiben viele Stunden bei ihr. Das versehrte Füsschen wird täglich eingesalbt und frisch verbunden. Zudem kommt oft ein spezialisierter Arzt vorbei und überprüft Emilias Füsschen. Dank guter Behandlung heilt die Verbrennung besser ab als erwartet. Trotz aller Pflege erholt sich der vordere Teil des grossen Zehs und ein Teil der  Ferse nicht mehr vollständig. Doch das Mädchen lässt sich davon nicht beirren. Nach mehreren Wochen darf die Kleine endlich das Spital verlassen. Emilia hat gekämpft und es hat sich gelohnt: Heute ist Emilia fast einjährig, geht in die Kinderkrippe und ins Babyschwimmen – ihre Eltern sind sehr stolz auf ihre kleine Heldin.   

Karin Zahner